Gezeiten verstehen: Hochwasser, Niedrigwasser & Tidenhub einfach erklärt
Zweimal am Tag steigt an der Nordseeküste das Wasser an und zieht sich wieder zurück. Diese Bewegung heißt Tide oder Gezeiten und folgt einem festen, gut vorhersagbaren Rhythmus. Wer an der Küste oder im Watt arbeitet, profitiert davon: Die Zeiten von Hochwasser und Niedrigwasser lassen sich Jahre im Voraus berechnen.
Wie Gezeiten entstehen
Ursache der Gezeiten ist die Anziehungskraft von Mond und Sonne auf die Wassermassen der Ozeane. Der Mond zieht das Wasser auf der ihm zugewandten Seite der Erde an und erzeugt dort einen Wasserberg. Auf der gegenüberliegenden Seite entsteht durch die Fliehkraft des Erde-Mond-Systems ein zweiter Wasserberg. Dazwischen liegen die Bereiche mit niedrigerem Wasserstand. Die Sonne wirkt auf die gleiche Weise, allerdings schwächer als der deutlich nähere Mond.
Weil sich die Erde unter diesen beiden Wasserbergen hindurchdreht, erlebt ein Küstenort im Laufe eines Tages zweimal Hochwasser und zweimal Niedrigwasser.
Der Rhythmus der Tide
Ein Mondtag dauert nicht 24, sondern etwa 24 Stunden und 50 Minuten, weil sich der Mond während der Erddrehung selbst ein Stück weiterbewegt. Daraus ergibt sich der bekannte Abstand von rund 12 Stunden und 25 Minuten zwischen zwei aufeinanderfolgenden Hochwassern beziehungsweise zwei Niedrigwassern. In der Praxis bedeutet das: Jede Tide verschiebt sich gegenüber dem Vortag um etwa 50 Minuten nach hinten. Für eine grobe Abschätzung reicht dieser Zusammenhang aus, für die genaue Planung lohnt sich trotzdem der Blick in die tagesaktuellen Werte.
Der Tidenhub an der Nordseeküste
Der Unterschied zwischen Hochwasser- und Niedrigwasserstand heißt Tidenhub. In der Deutschen Bucht liegt er meist zwischen zwei und vier Metern, schwankt aber je nach Ort und Küstenform deutlich. An Cuxhaven fällt der Tidenhub durch die Trichterform der Elbmündung vergleichsweise groß aus, während er auf der offenen See vor Helgoland spürbar geringer ist. Stationen wie Norderney liegen mit ihrem Tidenhub meist dazwischen. Für die Praxis heißt das: Werte von einem Pegel lassen sich nicht ohne Weiteres auf einen anderen Ort übertragen.
Springtide und Nipptide
Der Tidenhub selbst schwankt zusätzlich im Verlauf eines Monats. Stehen Sonne, Mond und Erde bei Voll- oder Neumond nahezu auf einer Linie, addieren sich ihre Anziehungskräfte und der Tidenhub wird größer – dieses Phänomen heißt Springtide. Bei Halbmond stehen Sonne und Mond dagegen im rechten Winkel zueinander, ihre Kräfte schwächen sich teilweise ab, und es entsteht eine Nipptide mit geringerem Tidenhub als üblich. Zwischen zwei Springtiden liegen rund zwei Wochen.
Flut, Ebbe und Hochwasser sind nicht dasselbe
Im Alltag werden die Begriffe oft vermischt, fachlich lohnt sich aber eine klare Trennung. Flut bezeichnet die Phase, in der das Wasser aufläuft und ansteigt. Der höchste Punkt am Ende dieser Phase ist das Hochwasser. Danach beginnt die Ebbe, in der das Wasser wieder fällt, bis der tiefste Stand erreicht ist – das Niedrigwasser. Eine Formulierung wie „die Flut kommt um 14 Uhr" ist damit unpräzise; gemeint ist meist der Zeitpunkt des Hochwassers.
Wer diese Grundlagen kennt, kann Gezeitentabellen besser einordnen und versteht, warum sich Zeiten und Höhen von Tag zu Tag und von Ort zu Ort unterscheiden. Wie die konkreten Zahlenwerte an einem Pegel zu lesen sind, erklärt der Beitrag Pegelstand richtig lesen.